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Wege

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[Soundcollage mit Tönen wie Lärm, Wasser/ Wellenrauschen, Kinderschreien]

„Ich hatte das Gefühl, dass wir, so sehr wir uns auch bemühten weiterzukommen, noch tiefer fielen.“ Das sagt der afghanische Filmemacher Hassan Fazili. In seiner Dokumentation „Midnight Traveler“ hat er die Flucht seiner Familie über die Balkanrouten filmisch begleitet. Den Trailer zum Film findet ihr in der Mediathek unten.

Menschen müssen auf ihrer Flucht meistens nicht nur eine Grenze überwinden, sondern mehrere. Egal über welche Routen und unter welchen Vorzeichen sie fliehen, die meisten kommen an den Punkt, an dem sie ihre Entscheidung anzweifeln oder gar bereuen. Wir wollen uns einem der gefährlichsten Wege in den Westen unserer Gegenwart zuwenden: die Flucht über das Mittelmeer.

Schaut geradeaus durch den Ausstellungsraum, seht Ihr die orangene Rettungsweste, hinten in der Ecke? Geht dorthin, links vorbei an den Vitrinen.

Die Route über das Mittelmeer von der türkischen Küste bis nach Griechenland gehört zu den Fluchtwegen, die in den Medien am meisten thematisiert werden. Aber, was empfinden wir eigentlich bei den Bildern von massenhaften Rettungswesten und Schlauchbooten an den Küsten Südeuropas? Sind wir schon abgestumpft?

Ich möchte Euch Nuri vorstellen. So eine Weste, wie Ihr sie vor Euch seht, hatte er damals bei seiner Überfahrt an.

Nuri: „Wir waren am Hafen und haben uns ein Schlauchboot gekauft. 4 Stunden waren wir auf dem Meer. Anfangs war es sehr hart. Und die Jungs haben gebetet und geschrien: Hilf uns Gott, dass keiner von uns stirbt. Es war sehr gefährlich für uns. Wir hatten großes Glück, gut angekommen zu sein. 3 Tage haben wir nichts gegessen, kein Wasser, nichts, bis wir die Olivenplantagen erreicht haben. Die hatten nicht geschmeckt aber wir hatten Hunger und haben sie gegessen. […] „Wir haben die Polizei angerufen, dass wir in Griechenland angekommen sind. Ihr müsst uns helfen. Dann kamen sie und nahmen uns fest. Sie brachten uns nach Mytillini, nach Pagani.“

Pagani liegt auf der griechischen Insel Lesbos. Dort war bis zum Sommer 2009 ein Haftlager für Geflüchtete. Die Zustände waren menschenunwürdig. Auf Druck von Hilfsorganisationen und Aktivist*innen wurde es aufgelöst.

Allein im Jahr 2023 sind schätzungsweise 3.100 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Seit 2014 gelten rund 30.530 Personen als vermisst. Sie sind sehr wahrscheinlich tot. Und dennoch: Menschen fliehen weiterhin über das Mittelmeer, obwohl sie wissen, dass es ihr Leben kosten kann.

Schaut auf die Wand rechts von Euch, dort steht: „Alle Grenzen sind zu“. Der Satz meint den 13. August 1961, der Tag an dem der Bau der Berliner Mauer begann. Innerhalb eines Tages wurde die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Stacheldraht abgeriegelt. Soldaten bewachten den Grenzstreifen. Sie hatten den Befehl zu schießen. DDR-Bürger*innen sollten nicht mehr „raus“.

Heute meint der Satz „Alle Grenzen sind zu“ etwas Anderes. An den Außengrenzen sollen Geflüchtete eigentlich nicht nach Europa „rein“. Grenzkontrollen und Schließungen, Zurückweisungen und Asylzentren, Abschiebungen – das sind Forderungen, die man heute täglich in den Nachrichten hört.

In dem Moment, in dem eine Grenze geschlossen wird, verringert sich nicht die Not der Menschen, nur ihre Flucht wird gefährlicher. Nicht die Flucht gefährdet Menschenleben, sondern die Umstände unter denen sie fliehen. Damals wie heute.

Geht nun rechts durch die Ausstellung bis Ihr wieder vorne an der Tür angekommen seid. Wenn Ihr Euch unterwegs die Ausstellung anschauen wollt, pausiert einfach und nehmt Euch die Zeit.

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