„Es gab für mich keinen anderen Ausweg als zu gehen.“
Dass viele Menschen aus der DDR keinen anderen Ausweg als die Flucht sahen, hatte verschiedene Gründe. Politische Verfolgung, Einschränkung der Meinungs- und Reisefreiheit, keine Chance auf Selbstverwirklichung oder die Liebe. Wann der Punkt erreicht ist zu sagen: jetzt gehe ich, ist für jeden unterschiedlich. Aber: es ist immer auch eine Entscheidung, die Angst macht und viel Mut erfordert. Das war für Menschen aus der DDR so und ist auch heute noch so.
Warum fliehen Menschen? Stellen wir diese Frage, weil wir die Menschen verstehen wollen oder weil wir sie in ihrer Fluchtgeschichte bewerten wollen?
Hinter dem Fenster seht Ihr drei Fernrohre. Geht nun dorthin.
Die Fernrohre zeigen die „typischen“ Fluchtgründe von DDR-Geflüchteten in Bildern. Sie stehen sinnbildlich für mögliche Wünsche, die sie für ihr Leben im Westen hatten. Schaut gerne hindurch während ich weiter erzähle.
Wovon träumen Menschen heute bevor sie sich auf den Weg machen? Was erhoffen sie sich vom Ankunftsland? Darüber wird wenig gesprochen. Medien wie Fernsehen, Zeitung und Internet, aber auch offizielle Berichte der UN reden immer von „Fluchtgründen“. Das klingt allgemein und weniger individuell als „Gründe zu gehen“. Der Begriff „Fluchtgründe“ macht einzelne Biografien unsichtbar. Und das soll er auch. Wenn man die konkreten Gründe zu Gehen wirklich verstehen will, muss man auch danach fragen. Zum Beispiel: Warum bist du nach Europa gekommen?
Aziz: "Um ein ruhigeres Leben führen zu können, zu lernen, zu studieren. Ich bin nicht geflüchtet. Ich habe selbst die Entscheidung getroffen von dort hier her zu kommen. Ich bin nicht geflüchtet. Freiwillig. Jeder der frei sein möchte, muss ein Hindernis überwinden, um frei zu sein. Gut, ich habe ein Hindernis überwunden, aber ich bin noch nicht frei".
Das ist Aziz Antwort, ein junger Mann aus Afghanistan. Er lebte damals in einem Haus für unbegleitete minderjährige Geflüchtete auf der Insel Lesbos, Griechenland. Was ihr eben gehört habt, ist aus einem Dokumentarfilm von Anuscheh Amir-Khalili. Aziz hat sich mit seinen Freunden gegenseitig interviewt.
Als „Flüchtling“ bezeichnet, fühlen sich Menschen oft reduziert und abgewertet. Daher überrascht es nicht, dass Aziz den Begriff ablehnt. Auch zahlreiche geflüchtete Menschen aus der DDR lehnten ihn ab. Sie wollten frei sein, aber kein Flüchtling.
Mein Name ist übrigens Noor. Ich bin aus dem Irak geflohen und im Juli 2015 in Deutschland angekommen. Ich bin der dritte Sprecher für die Tour und arbeite schon seit vielen Jahren mit der Erinnerungsstätte zusammen. Wenn ihr mehr über mich erfahren wollt, dann tippt das Video unten an.
Zum Beispiel betreue ich das Sprachcafé, das jeden Freitag hier in der Erinnerungsstätte stattfindet. Im Sprachcafé kommen regelmäßig verschiedene Personen, mit und ohne Fluchterfahrung zusammen und reden, essen, trinken und teilen ihren Alltag und was sie umtreibt. Sie verbindet das Menschsein. Eigentlich soll es im Sprachcafé leicht und unbeschwert zugehen, wir essen gerne und lachen viel. Aber manchmal geht es doch um das Thema Flucht und Ankommen…hört selbst, was sie zu sagen haben.
Nehmt dazu an der Fensterbank bei den Portraits rechts vom Eingang Platz.