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Sicherheit

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Seid Ihr wieder im Eingangsbereich des Museums? Schaut nach rechts in Richtung Gang. Und wundert Euch nicht, dass Ihr jetzt eine neue Stimme hört. Ich bin Atefa und begleite Euch an dieser Station. Ich komme aus Afghanistan und bin 2016 in Marienfelde angekommen. Heute lebe und arbeite ich in Berlin. Zum Beispiel gebe ich Führungen hier im Museum und erzähle von mir, meiner Heimat und was ich während und nach meiner Flucht erlebt habe. Wenn Ihr mehr zu mir wissen wollt, klickt das Video unten an, aber am besten erst nachdem ich fertig erzählt habe.

Schaut in den langen Gang mit den kleinen, schmalen Fenstern. Hier sind die Menschen damals angekommen. Das alles ist die originale Architektur von 1953. Als ich zum ersten Mal im Museum war habe ich mich gefragt: Warum gibt es vorne nur so kleine Fenster? Das hatte einen Grund: man sollte von außen nicht hereinschauen können. Genauer sollte die Stasi, die Staatssicherheit und Geheimpolizei der DDR, nicht hereinschauen.

Wie konnte das sein? Die Menschen waren doch „sicher“ im Westen? Nur bedingt, denn es gab auch Mitarbeitende der Stasi, die in West-Berlin eingesetzt waren. Noch gab es keine Mauer, die Berlin in Ost und West trennte. Direkt gegenüber vom Lager hatte die Stasi eine Wohnung gemietet, um zu beobachten, wer wann hier ankam. Wenn sie eine geflüchtete Person erkannten, konnte das Folgen haben für Freunde und Familie, die noch in der DDR waren. Denn die so genannte „Republikflucht“ war verboten und stand unter Strafe. Die kleinen Fenster sollten also die geflüchteten Menschen schützen.

Schaut unten in die Medien. Tippt auf das Foto „Vorsicht! Spitzelgefahr“. Spitzel heißt sowas wie Spion. Ihr seht ein Warnschild, das damals hier in diesem Gang hing. Es sollte die Bewohnenden vor der Stasi warnen. Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erinnern sich noch an das Schild und das unangenehme Gefühl, das es auslöste.

Ich wusste lange nicht, dass die Menschen die damals hier angekommen sind, sich auch so unsicher gefühlt haben. Ich kann sie gut verstehen. Der Mann den Ihr am Anfang gehört habt, Wilfried Seiring, berichtet auch davon:

Wilfried Seiring: "Auch war, ich will mal sagen, es war sehr ambivalent. Einerseits sind sie endlich mal frei von Willkür und Verfolgung. Sie können aufatmen und man hat irgendwie einen Erzähldrang. Man möchte sich austauschen mit anderen. Anderseits sind sie wieder in einem Lager, eine Nummer, ja es wird sogar Wert daraufgelegt, dass sie nicht ihren Eigennamen nennen, sondern bei der Nummer bleiben, denn es wird gesagt, auch manchmal durch Lautsprecher durchgegeben und es ist außerdem auf Schildern ausgewiesen gewesen, dass auch Agenten im Lager sein könnten, die Informationen missbräuchlich verwenden würden. Dann wurde wieder vor Taschendieben gewarnt. Also es wurde natürlich auch dadurch Misstrauen geschürt, also in der Phase, wo sie das größte Vertrauen der neuen Situation entgegenbringen wollten, entstand plötzlich auch etwas, wo sie sich abkapseln mussten und Misstrauen hervorbringen sollten, um sich selbst zu schützen".

Damals hatten die Leute Angst ihren Namen zu nennen. Sie vertrauten einander nicht. Als ich 2016 im Übergangswohnheim nebenan ankam, gab es keine Stasi, aber sicher habe ich mich auch nicht gefühlt. Ich wusste auch nicht, wem ich trauen konnte und wem nicht. Man kannte sich nicht und wie Herrn Seiring fiel es mir schwer, Vertrauen zu fassen.  

Gleichzeitig musste ich meine Familie in einem Land zurücklassen, das von den Taliban geführt wird. Ich wusste nicht, wie sich meine Flucht auf sie auswirken würde. Daher war auch ich vorsichtig im Umgang mit anderen Geflüchteten im Heim.

Und das sollte mein neues Zuhause sein?

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